Buchvorstellung: Jura-Klausuren richtig schreiben

Bücher über die richtige Klausurtechnik in juristischen Prüfungen gibt es viele. Leider kranken die meisten daran, dass sie eine weitschweifige Theorie zur Wissenschaft hinter dem Klausurschreiben an sich ausarbeiten, die der Student in der Klausursituation ohnehin nicht abrufen und anwenden kann.

Tipps vom Korrektor

Das neue Werk Jura-Klausuren richtig schreiben“ von Joachim Kern, das jetzt im renommierten Fachverlag Vepowar erschienen ist, stellt die Klausurschreibkunst vom Kopf auf die Füße. Statt langatmiger Diskussion auf der Meta-Ebene hilft dieses Buch den Studenten, ganz einfach das zu schreiben, was der Korrektor hören will. Als roter Faden zieht sich die Frage durch das Buch, was verlangt wird und wofür der Prüfer die Noten vergibt.

Man merkt dem Werk deutlich an, dass Joachim Kern ein Praktiker ist, der bereits hunderte Klausuren korrigiert und bewertet hat. Mit bemerkenswerter Klarheit und Ehrlichkeit legt er dar, worauf es ihm bei Prüfungsleistungen ankommt und was lediglich schmückendes oder gar verzichtbares Beiwerk ist.

Behandlung typischer Situationen

Dabei werden auch Situationen behandelt, die in anderen Werken nach dem Motto „Was nicht sein darf, kann auch nicht sein“ totgeschwiegen werden. So legt er bspw. dar, dass der Korrektor durchaus nicht auf den Kopf gefallen ist und beliebte Hausarbeitentricks als solche erkennt und negativ honoriert. Auch die Frage, wie man reagieren soll, wenn man aufgrund falscher Weichenstellungen in Zeitnot gerät, wird beantwortet:

Man muss in diesen Fällen die Strategie unbedingt umstellen und nur noch irgendwie Punkte sammeln. Es mag hier verschiedene Möglichkeiten geben, aber das Einzige, was wirklich zielführend ist, ist nach meiner Erfahrung eine geradezu brutale Konzentration auf die im Sachverhalt noch angelegten Probleme.

Verschwenden Sie keine Sekunde mehr an unproblematische Teile. Wenn es unbedingt sein muss, dann stellen Sie allenfalls noch fest, dass ein bestimmtes Tatbestandsmerkmal vorliegt. Aber zeigen Sie, dass Sie die Probleme erkannt haben und schreiben Sie (notfalls im Telegrammstil) die Argumentation dazu herunter.

Das ist natürlich recht extrem, da der Aufbau so völlig verschwindet. Es wird Ihnen den einen oder anderen Rohpunkt dafür kosten, aber die entscheidenden Punkte für das Hauptproblem dieser Prüfung haben Sie.

Die perfekte Klausur gibt es nicht

Das Buch legt mit wohltuender Offenheit auch ohne Umschweife dar, dass es die perfekte Klausur sowieso nicht gibt und man sich immer mit gewissen Kompromissen abfinden muss. Es wird nicht verhehlt, dass sowohl die Bearbeitungszeit als auch die eigenen Fähigkeiten limitiert sind und man irgendwie das Beste daraus machen muss.

Besonders interessant sind die einleitenden Ausführungen dazu, wie er als Korrektor überhaupt zur Notenvergabe kommt. Ein Auszug hieraus:

Aus dieser Skizze baue ich mir dann eine Excel-Tabelle (manche Werkzeuge sind einfach universell) zusammen, in der ich später die Rohpunkte aller Arbeiten eintragen. Das Rohpunktesystem kennt man noch aus der Schule: (…) Nicht anders funktioniert es auch in der Juristerei: Wer den Schenkungsvertrag erkennt, hat schon mal einen Punkt, wer ihn näher ausführt, den zweiten, und wer sich mit guter Begründung für ein vertretbares Ergebnis zur Frage, ob wirklich ein Schenkungsvertrag vorliegt, entscheidet, hat alle fünf Punkte.

Dieses System ermöglicht es, zumindest eine gewisse Objektivität in einen unvermeidbar subjektiven Benotungsvorgang zu bringen. Wenn man nur die Arbeit durchliest und am Ende aus einem Bauchgefühl heraus die Notenpunkte vergibt, werden die Ungerechtigkeiten einfach noch größer. Es ist schon schwer genug, die Maßstäbe an die Rohpunktevergabe über Dutzende Klausur konstant zu halten – bei einer direkten Notenvergabe ist dies unmöglich.

Positiv fallen auch die zahlreichen Formulierungsbeispiele auf, wobei der Autor durchaus Wert darauf legt, dass nicht jeder Korrektor den gleichen Geschmack hat. Aber mit den Ratschlägen aus diesem Buch dürfte es gelingen, jeden Prüfer zumindest zufriedenzustellen und die allermeisten auch zur Vergabe einer erfreulichen Punktzahl zu bewegen.

So beschweren Sie sich richtig

Schließlich wird auch noch kurz beschrieben, wie man aus einer Erstkorrektur, die einem nicht reicht, noch eine bessere Note herausholen kann. Dass das Verhalten in der Korrektorensprechstunde entscheidend hierfür sein kann, dürfte jedem klar sein. Wie man aber die Korrektorpsychologie verstehen muss, ist aus Sicht eines Insiders sicher besser zu beurteilen. Dabei wird gut nachvollziehbar aufgezeigt, dass der Prüfer die Note nach dem vergeben hat, was er schwarz auf weiß gesehen hat, und welche Gedanken er sich dazu gemacht hat. Um seine Meinung zu ändern braucht es also schon triftige Argumente – wie man diese am besten formuliert und welche Fettnäpfchen es dabei zu vermeiden gilt, verrät das „Jura-Klausuren richtig schreiben“ ebenfalls.

Insgesamt handelt es sich um ein sehr gelungenes Werk, das Studierenden aller Leistungsniveaus helfen kann. Schwächere Studenten werden ohne Weiteres auf die magische vier Punkte gehoben, stärkere Klausurenschreiber erfahren, wie sie noch mehr von ihrem Wissen zu Papier bringen und in die Prädikatsstufen vorstoßen können.

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